Wer den Artikel „Hoffen auf Wasserstoff“ vom 18.03.2026 von Franz Bauer über die kommunale Wärmeplanung in Plattling überfliegt, könnte daraus schließen, dass die Stadt privaten Haushalten in Zukunft das Heizen mit Wasserstoff empfehlen würde.
Da das Heizen einen gewaltigen Einfluss auf den eigenen Wohlstand hat, muss man immer wieder betonen: Wer 2026 noch eine neue fossile Heizung kauft, wird langfristig Wohlstand verlieren. Effekte wie der Iran-Krieg oder der russische Angriff auf die Ukraine verstärken die zugrundeliegende Ursache.
Gesetzliche Grundlagen
Das Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG), welches 2019 von CDU/CSU und SPD beschlossen wurde, verlangt eine Netto-Treibhausgasneutralität bis 2045 und eine schrittweise Reduktion der Emissionen ab 2031.
2035 muss Deutschland die CO₂-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 77 % reduziert haben.
Ein Aufweichen des Klimaschutzgesetzes wird auf zwei Ebenen verhindert:
- Das Bundesverfassungsgericht hat im Klimabeschluss auf Grundlage von Art. 20a GG geurteilt, dass das Klimaschutzgesetz nicht aufgeweicht werden darf.
- Zusätzlich wurde auf EU-Ebene im Paket Fit-for-55 beschlossen, dass jeder Staat bis 2030 die Emissionen um 55 % reduziert haben muss. Wer das nicht schafft, muss Emissionsrechte von anderen Staaten kaufen. Bis 2040 müssen wir die Emissionen um 90 % reduzieren und bis 2050 klimaneutral sein.
Der aktuelle Stand

1990 hat Deutschland 1252 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente emittiert. 2024 hat Deutschland die Emissionen um 48 % reduziert.
Das wurde unter anderem erreicht, weil der Strommix inzwischen 50 % weniger CO₂ ausstößt. Auch technologische Effizienzverbesserungen wie die der LED im Vergleich zur Glühbirne spielen eine Rolle.
Wenn man sich die Entwicklung ansieht, merkt man schnell, dass das Tempo nicht genügt, um die gesetzlichen Vorgaben zu erreichen. Klagen wie die Zukunftsklage von Greenpeace oder die Klage der Deutschen Umwelthilfe werden sicherstellen, dass die Regierung auch Maßnahmen umsetzt, um das Klimaschutzgesetz zu erfüllen.
Wie es weitergeht

Da wir bis spätestens 2045 klimaneutral sein müssen (vgl. Urteil des Verfassungsgerichts), darf 2045 kein fossiler Energieträger mehr verbrannt werden. Kein Heizöl, kein Gas, kein Benzin, kein Diesel.
Was bedeutet das für meine Gasheizung?

2045 ist in 19 Jahren. Im Durchschnitt hält eine Gasheizung 20–25 Jahre. Das heißt, man muss sich jetzt schon um 2045 Gedanken machen, wenn man nicht in eine teure Kostenfalle tappen will. Egal, ob man einen Altbau oder einen Neubau besitzt.
Nun scheint es für aktuelle Gasheizungen folgende Optionen zu geben:
- Biogas: Wenn man das Methan nicht aus der Erde holt, sondern Gülle, Mist, Bioabfälle und vor allem Mais/Gras fermentiert, entsteht Methan. Das Verbrennen dieses Methans ist CO₂-neutral, wenn der Kohlenstoff zuvor von den Pflanzen aus der Luft absorbiert wurde
- Wasserstoff–Beimischung: Manche Gasheizungen können mit einem gewissen Anteil an Wasserstoff arbeiten. „H₂-ready“ wird das genannt. Wenn der Wasserstoff über erneuerbare Energien erzeugt wurde, dann ist das CO₂-neutral. Man spricht dann auch von „grünem“ Wasserstoff.
- Holz (Hackschnitzel/Pellets): Auch Holz kann CO₂-neutral sein, wenn es aus nachhaltigem Anbau kommt. Es muss also genug neues Holz gepflanzt werden, um das verbrannte auszugleichen.
- Strom (Wärmepumpe/Stromdirektheizungen): Wenn der Strom aus nachhaltigen Quellen kommt, dann ist die Heizung mit Strom auch CO₂-neutral.
Über Holz- und Stromheizungen könnte man wieder sehr viel schreiben. Vorerst ist jedoch hervorzuheben, dass die Wärmepumpe in fast allen Gebäuden langfristig günstiger sein wird als die Alternativen.
Ist Biogas eine Option?

Nimmt man einen jährlichen Bedarf von 30.000 kWh an und vergleicht damit Tarife in Plattling, sieht man: Biogas ist zu teuer
- 230,33 €/Monat für fossiles Gas
- 305,06 €/Monat für 100% Biogas
Schon jetzt ist Biogas also 32 % teurer als fossiles Gas. Da für die Produktion von Biogas Pflanzen benötigt werden, kann man nicht beliebig viel mehr produzieren. Wenn nun tausende Haushalte immer mehr Biogas benötigen – egal ob als Beimischung wie von Ministerin Reiche als „Grüngasquote“ oder ab 2045 auf 100 % – wird es für alle teurer. Angebot und Nachfrage – wenn das Angebot nur mäßig steigt, aber die Nachfrage explodiert, wird es so viel teurer, bis es sich Menschen nicht mehr leisten können, zu heizen.
In Deutschland wurden 2024 rund 1,35 Mio. Hektar für den Anbau von Energiepflanzen verwendet – für Landwirtschaft insgesamt waren es 17 Mio. Hektar. Damit wurden 48,6 TWh Energie erzeugt. Selbst wenn wir die gesamte Fläche für Energiepflanzen verwenden würden, könnten wir also nur rund 612 TWh erzeugen. Wir haben 2024 jedoch 844 TWh an Gas verbrannt. Die Verfügbarkeit von Biogas wäre also ein unlösbares Problem.
Wasserstoff zum Heizen von Wohnraum – ein hoffnungsloser Fall

Ähnlich wie beim Zusetzen von Biogas ist das Zusetzen von Wasserstoff gedacht – allerdings gibt es hier mehr Probleme:
- Explosion der Betriebskosten: Grüner Wasserstoff wird mit einem Wirkungsgrad von 65 % aus grünem Strom erzeugt. Beim Transport durch Pipelines gehen wieder 10%-15% verloren. Die Verbrennung hat einen Wirkungsgrad von 95 % bis 98 %. Insgesamt werden also aus 1 kWh Strom nach allen Verlusten etwa 0,57 kWh Wärme. Das Heizen mit Wasserstoff wird im Betrieb also etwa 75 % teurer sein als eine Stromdirektheizung und etwa 5 – 8x teurer als eine Wärmepumpe mit einer JAZ von 3–5.
- Verfügbarkeit: 2024 waren wir bei 114 MW Elektrolysekapazität. Selbst wenn diese 24/7 laufen würden und man 80 % Wirkungsgrad hätte, könnten wir also nur 33 GWh an Wärmeenergie in Form von Wasserstoff herstellen. Wir benötigen 844.000 GWh.
- Kompatibilität der Gasthermen: Wasserstoff brennt schneller und könnte in das Innere des Brenners zurückschlagen (Flammenrückschlag). Wasserstoff brennt bei ca. 2130°C, Methan jedoch nur bei etwa 1950°C. Das „H2-Ready“-Label suggeriert, dass in der Gastherme auch Wasserstoff verbrannt werden kann. Tatsächlich bedeutet es jedoch nur, dass diese dafür umgebaut werden kann. Es sagt auch nichts darüber aus, ob die Gastherme mit reinem Wasserstoff betrieben werden könnte.
- Kompatibilität der Netze: Da Wasserstoff das kleinste Molekül ist, lagert es sich leicht in Metallen ab. Das führt zur Wasserstoffversprödung. Das Problem ist mit Kunststoff lösbar. Man hat an Dichtungen jedoch immer noch Diffusionsverluste. Da bei dem gegebenen Druck in den Leitungen Wasserstoff nur ca. 33 % der Energiedichte hat, müsste man alle Verdichterstationen („Pumpen“) austauschen um die gleiche Energiemenge wie mit Erdgas zu transportieren.
Das Gasnetz wird zur Kostenfalle für Zögerliche
70 % der Neubauten nutzten Wärmepumpen (Stand: 2024). Langfristig, also auf 2045 bezogen, werden immer mehr Altbauten wechseln, weil es sich wirtschaftlich lohnt, sobald die alte Heizung kaputt ist.
Das bedeutet, die Kosten für das Gasnetz – egal ob Wasserstoff oder Biogas – werden auf weniger Abnehmer verteilt.
Das bedeutet, dass jeder Einzelne mehr zahlen muss.
Kurz und Knapp
- Biogas und Wasserstoff werden aller Voraussicht nach ab 2045 kostspielig werden.
- Für die meisten Altbauten wird eine Wärmepumpe langfristig die wirtschaftlichste Option sein.
- Holz ist eine Option für jeden, aber nicht für alle.
- Stromdirektheizungen (Boiler/Durchlauferhitzer/Infrarotheizungen/Heizlüfter) sind für hervorragend gedämmte Neubauten eine Option, da die Betriebskosten hier eine geringere Rolle spielen und so die geringen Anschaffungskosten relevanter sein könnten. Das muss man ordentlich durchrechnen.
- Für eine individuelle Beratung gibt es Energieberater.
Prima zusammengefasst. Danke
Sehr guter Bericht.
Vielen Dank
AFD-Anhänger glauben sehr gerne Verschwörungsgeschichten über den angeblichen „deep state“, aber um so weniger wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich bin überzeugt, dass die fossile Lobby dies ausnützt und da strategisch vorgeht. Zuerst wurden die Grünen mit ihrer „wokeness“ angegriffen, siehe Aiwanger und Söder. Damit erfolgreich, konnte man auch ihre begründeten Forderungen zum klimafreundlichen Wirtschaften diffamieren und den backflash angehen. Sehr erfolgreich in Plattling!